Ein lange unvollständiges Bild der Krankenmorde
Dr. Ingo Harms warf an der Gedenkstätte für die Menschenwürde einen differenzierten Blick auf den „Mythos Galen“. Rund 50 Interessierte besuchten den Vortrag in Vechta.
Warum begann die Forschung zu den Hungermorden während des Nationalsozialismus erst so spät? Und warum blieben ihre Opfer und Angehörigen so lange nahezu unsichtbar? „Das Thema wurde aus der Geschichte ausgeklammert“, ist der Historiker Dr. habil. Ingo Harms überzeugt. Welche Bedeutung dabei der berühmten Predigt des damaligen Bischofs Clemens August Graf von Galen zukam, erläuterte er jetzt im Rahmen einer Veranstaltung des Andreaswerkes vor rund 50 Interessierten. „Bischof von Galens Widerstand gegen die Euthanasie-Verbrechen – eine kritische Würdigung“ lautete entsprechend der Titel seines Vortrags an der Gedenkstätte für die Menschenwürde in Vechta. Anlass für den Abend in der dortigen Scheune war der 80. Todestag des gebürtigen Dinklagers und späteren Kardinals von Galen.
Mit seiner Predigt am 3. August 1941 protestierte von Galen öffentlich gegen die Abtransporte von Menschen mit Beeinträchtigungen und ihre Ermordung in den Gaskammern. Doch während die sogenannte Aktion T4 wenig später tatsächlich beendet wurde, gingen die Krankenmorde dezentral weiter: Die Patientinnen und Patienten wurden nun direkt in den psychiatrischen Einrichtungen ermordet – durch mangelnde Ernährung und Versorgung und der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend entzogen. Dass die Opfer dieser Hungermorde über Jahrzehnte kaum Beachtung fanden, führte Harms unter anderem auf den Mythos zurück, der Widerstand des Bischofs habe den Euthanasie-Verbrechen der Nationalsozialisten ein Ende gesetzt. „Galens Widerstand gehört zum Mutigsten und Selbstlosesten, das gegen die NS-Krankenmorde ins Feld geführt wurde“, betonte Harms. Die Erzählung, er habe damit die Patientinnen und Patienten gerettet, sei jedoch falsch. Seiner Stilisierung zum Helden und der Vereinnahmung durch jene, denen diese Erzählung zugute kam, konnte von Galen selbst nicht mehr widersprechen: Er starb bereits 1946.
Die fortgesetzten Krankenmorde wurden nicht nur in der Öffentlichkeit und bei der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen ausgeblendet, wobei die Berufung auf Galens Predigt wiederholt als Argument diente. Bis in die 80er- und 90er-Jahre hinein blieb auch die wissenschaftliche Aufarbeitung weitgehend aus und wurde laut Harms teilweise sogar gezielt behindert, unter anderem um das Ansehen der Ärzteschaft zu schützen. „Forschung wurde blockiert, die Opfer ignoriert und die Angehörigen im Stich gelassen“, so sein Fazit. Worte, die auch in der anschließenden Diskussion über Verantwortung, Wegschauen und die Bedeutung und Grenzen des Widerstands von Galen nachhallten.